Haithm Rassoul
43 Jahre, Eisenach

Ich wäre fast nach Hannover gezogen, weil ich dort ohne Sprachkenntnisse hätte arbeiten können. Aber durch die Unterstützung bei Ziola kann ich hier in Eisenach bleiben.

Gespräch mit Haithm Rassoul

Ein schwerer Start für Haithm Rassoul

Das Jobcenter Eisenach vermittelte Haithm Rassoul im Januar 2020 zum LAT-Projekt „IFA – Berufliche Integration spezieller Zielgruppen Wartburgregion“ beim Projektträger Ziola GmbH in Eisenach. Nachdem er eine Sprachkursprüfung nicht bestand, wurde ihm vom Jobcenter Eisenach eine Arbeit vorgeschlagen. Haithm Rassoul gab an, dass er sich ohne ausreichende Deutschkenntnisse nicht zutraue zu arbeiten und wurde so an das Integrationsprojekt von Ziola verwiesen. 

Im Projekt lernte er vor allem, die deutsche Grammatik richtig zu nutzen. „Ich hatte das Gefühl, dass es endlich vorangeht. Die Lehrerin hat alles so gut erklärt und die anderen Teilnehmer waren auch sehr nett“, so Rassoul.  

Der Kontakt zu neuen Menschen, die ihm helfen oder die seine Probleme teilen, war für Haithm Rassoul die schönste Erfahrung aus seiner Zeit bei Ziola. 

Doch schon nach vier Monaten musste er auf einen Teil dieser Unterstützung verzichten. Durch die Covid-19-Pandemie war auch bei Ziola kein Präsenzunterricht mehr möglich. Die Beratungen fanden telefonisch oder digital statt. Es fiel ihm schwer, die Aufgaben alleine zu Hause zu bewältigen, auch wenn seine Kinder ihm gerne helfen wollten. „Wenn ich die Lösung nicht weiß, kann ich doch nicht die Antwort von jemand anderen schreiben. Das macht man doch nicht“, erzählt Rassoul.  

Mit der Sprache kam auch der Job

Ziola vermittelte Haithm Rassoul nach seinem Kurs in ein Praktikum bei FA Trockenbau Eisenach, bei der ihm der Chef Herr Ammerschuber im Anschluss eine Festanstellung anbot. 

Mittlerweile spricht Rassoul fast ausschließlich Deutsch mit den Kollegen. Er berichtet, dass sie ihn von Anfang an gut aufgenommen hätten und sehr freundlich sind. Auch die Zusammenarbeit mit dem Chef ist für ihn sehr besonders. „Es gibt keine Aufgaben, die der Chef nicht macht, nur weil er der Chef ist. Das habe ich nur in Deutschland erlebt. Alle sind ein Team und machen das, was gerade gemacht werden muss. Das ist eine tolle Erfahrung.“  

Und den internationalen Vergleich der Arbeitsweisen hat Rassoul allemal. Haithm Rassoul ist 37 Jahre alt, als er 2015 nach Deutschland kam. Geboren in Amonda, war er zunächst Maler und Designer in Anstellung, bevor er sich selbstständig machte. Seine Berufserfahrung als Maler und Trockenbauer umfasst 23 Jahre in Syrien, dem Libanon, dem Irak und der Türkei, bevor er die neuntägige Flucht von der Türkei bis nach Deutschland antritt. Bei ihm war nur sein damals zehnjähriger Sohn. „Es war sehr schwer für mich, ihm die Mutter zu ersetzen und ich war froh, dass ich meine Frau und meine anderen Kinder nach 2 Jahren nachholen konnte.“ 

In Eisenach angekommen, um zu bleiben

Beide Kinder gehen jetzt in Eisenach zur Schule und sie waren auch der Grund, weshalb die Familie überhaupt nach Eisenach zog.  Als sie noch in Meiningen lebten, besuchten die Kinder ihre Tante regelmäßig in Eisenach. „Sie wollten dann unbedingt auch nach Eisenach, weil ihnen die Stadt so gut gefällt. Also sind wir vor zwei Jahren nach Eisenach gezogen und das war die beste Entscheidung“, lacht Rassoul. Auch sonst stehen die Kinder für Haithm Rassoul und seine Frau jetzt an erster Stelle. „Wir wünschen uns, dass sie hier ihre Schule gut machen, dass sie studieren und sich ein schönes Leben aufbauen können. Das ist so mein Hauptwunsch für die Zukunft. Meine Frau und ich leben jetzt für unsere Kinder.“ 

Für andere Geflüchtete wünscht sich Haithm Rassoul, dass sie auch den Weg zu solchen Unterstützungsprojekten finden, die Sprache lernen und arbeiten können. „Besonders am Anfang war es gut, dass es überhaupt die Möglichkeit gab, dass jemand für mich übersetzt. Das hat es leichter gemacht.“ Im vorherigen Sprachkurs gab es die Möglichkeit einer Übersetzung nicht, erzählt Rassoul, auch deshalb sein ihm das Deutsch lernen so schwer gefallen. Die Bedeutung von nachhaltigen Sprachkursen zeigt sich am Beispiel von Haithm Rassoul auch an einer weiteren Herausforderung: dem Führerschein. Mehrmals bestand er die Führerscheinprüfung nicht, weil ihm niemand erklärte, welche Fehler er gemacht hat. Als er dann in Wutha-Farnroda wieder eine Fahrschule besuchte, hatte er Glück. Er fand Lehrer*innen, die ihm Schilder, Vorschriften und seine Fehler verständlich erklärt haben. Mit dieser Unterstützung hat Haithm Rassoul dann seine Führerscheinprüfung bestanden, auch wenn der Weg dahin sehr teuer war. 

Mit dem gestärkten Selbstbewusstsein ist Haithm Rassoul zuversichtlich, dass die Integration auch weiterhin gut gelingt. „Ich wäre fast nach Hannover gezogen, weil ich dort ohne Sprachkenntnisse hätte arbeiten können. Aber durch das Projekt bei Ziola kann ich hier in Eisenach bleiben. Ich fühle mich jetzt wohl in Thüringen.“  

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Haithm Rassoul bei der Arbeit

Gespräch mit dem Projekt IFA

Im Projekt IFA bewies Haithm Rassoul Hartnäckigkeit

„Als Haithm Rassoul das erste Mal zu Ziola kam war er sehr freundlich und zuvorkommend aber auch ein bisschen zurückhaltend“, erinnert sich Eva Günther (Projektleiterin im Projekt IFA bei Ziola). Anhand der ersten Gespräche beim Projekt IFAwird mit den Teilnehmer*innen erarbeitet, welches große Ziel sie haben und welche Teilziele auf diesem Weg gemeistert werden müssen. Für Haithm Rassoul hatte zwar der Führerschein im Moment oberste Priorität, aber sein großes Ziel war es, auf dem Arbeitsmarkt anzukommen. 

Die erste Etappe auf seinem Weg war die Verbesserung seiner Sprachkenntnisse. „Den Sprachunterricht gestalten wir entsprechend der Voraussetzungen und Berufsvorstellungen der Teilnehmer*innen, damit sie auch mit den üblichen und fachlichen Begriffen im Job zurechtkommen“, berichtet Frau Günther. „Es hat mich positiv überrascht, dass Herr Rassoul trotz seiner eher grundlegenden Sprachkenntnisse die Fachbegriffe für den Malerberuf bereits sehr gut beherrschte. Auch allgemein hat er die ihm übertragenen Aufgaben während der Pandemie immer umfassend und zeitnah gemacht“, erzählt sie weiter. 

Mehr als Sprachunterricht und Jobvermittlung 

Als Haithm Rassoul dann aus Eisenach wegziehen wollte, lud IFA ihn erneut dazu ein über seine Ziele und die kleinen Meilensteine zu sprechen. – Was braucht es, damit er seine Ziele in Eisenach erreicht und welche Herausforderungen wären bei einem tatsächlichen Umzug zu meistern? 

„Er ist dann nach Hause gegangen und versprach mir, über unser Gespräch nachzudenken“, erzählt Eva Günther. „Als er dann nach einigen Tagen zurückkam, sagte er nur 'Ok, ich bleibe'. Er hat damit echte Hartnäckigkeit bewiesen. Das war mein schönstes Erlebnis mit ihm, als er sich dazu entschied, sich auf den manchmal auch langwierigen Prozess der Integration einzulassen. Ich wünsche ihm sehr, dass er sich dieses langfristige Denken beibehält“. 

Haithm Rassoul hatte auf seinem Weg noch einige Vorhaben zu meistern, um sich dann in Eisenach auch wirklich wohl zu fühlen. Die Suche nach einer größeren Wohnung für seine Familie, den Führerschein und weiterhin die Sprache. 

„Das ist auch das Besondere an unserer Arbeit,“ ergänzt Eva Günther. „Wir beraten systemisch, d.h. wir nehmen den Teilnehmer auf seinem Weg in Ausbildung oder Arbeit nicht isoliert, sondern immer im Rahmen seines ganzen Umfeldes in den Blick. Aber auch da gibt es natürlich Grenzen. Wir reparieren nichts, was nicht kaputt ist. Der Teilnehmer entscheidet, was für ihn wichtig ist und wobei er Hilfe möchte. Das muss immer auf Augenhöhe passieren.“ 

„Wir wünschen uns noch mehr Arbeitgeber*innen, die unseren Teilnehmer*innen eine Chance geben“ 

Für die nächste Etappe auf dem Weg in den Arbeitsmarkt übernahm Elisabeth Kneuper, Mitarbeiterin im Projekt IFA, die Begleitung von Haithm Rassoul, mit dem Ziel in ein Praktikum zu vermitteln. „Ich hatte recht bald ein passendes Jobangebot bei Trockenbau & Malermeisterbetrieb Kay Ammerschuber in Eisenach gefunden, allerdings war ein Führerschein als Voraussetzung angegeben“, erzählt Elisabeth Kneuper. Bei IFA ist ein Vorgespräch mit den potentiellen Arbeitgeber*innen üblich und somit stand die Frage nach dem Führerschein auch im Vordergrund. „Ich habe Kay Ammerschuber als einen sehr freundlichen und lockeren Chef kennengelernt. Auch ohne Führerschein war er offen dafür, dass Herr Rassoul erst einmal kommt und arbeitet.“ 

Überwiegend münden bei IFA Praktika in eine Anstellung. „Das liegt zum einen an den sehr intensiven Vorgesprächen mit den Arbeitgeber*innen“, erklärt Stefan Niebergall, Projektverantwortlicher von IFA. „Zum anderen fragen wir gerne bevorzugt Unternehmen an, bei denen ein Einstellungsbedarf besteht. Das zwei- bis maximal dreiwöchige Praktikum dient dabei mehr dem Kennenlernen und der Erprobung im Arbeitsalltag mit dem Team“. 

Aber auch bei intensiver Betreuung kommt es vor, dass zwei Wochen nach der Anstellung dem Teilnehmer gekündigt wird. „Manchmal liegen die Erwartungen und die Realität des Arbeitsalltages doch noch weit auseinander. Wir wünschen uns, dass die Arbeitgeber uns hier noch mehr als Ansprechpartner wahrnehmen, wenn es Herausforderungen beim Erstkontakt gibt“, so Stefan Niebergall weiter.  

Dieses Problem gab es bei Kay Ammerschuber und Haithm Rassoul nicht. Nach zwei Wochen erreichte eine E-Mail von Herrn Ammerschuber das Projekt, dass  Trockenbau & Malermeisterbetrieb Kay Ammerschuber Haithm Rassoul nun fest angestellt hat. 

„Als wir Herrn Rassoul hier für dieses Interview wiedergetroffen haben, wirkte er einfach happy“, sagt Elisabeth Kneuper. „Ich wünsche ihm, dass er weiterhin in seinem Beruf arbeiten kann.“ 

Auch Stefan Niebergall hofft, dass Haithm Rassoul noch sehr lange Spaß an seiner Arbeit hat. „Die Freude an der eigenen Tätigkeit – das ist DIE Grundvoraussetzung, um auch in Arbeit zu bleiben.“ 

(Juni 2021)

Das Team bei Ziola