Aysenur Korkmaz
Weimar

Ich liebe Thüringen und ich liebe Weimar, wo ich jetzt wohne. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben.

Gespräch mit Aysenur Korkmaz

LAT-Projekte sind wichtige Orientierungshilfen auf dem deutschen Arbeitsmarkt

Aysenur Korkmaz beendete 2019 gerade das vierte Semester ihres Medizinstudiums, als sie aus der Türkei nach Deutschland floh. Nach den ersten Sprachkursen wusste sie, dass sie nur über den Zwischenweg einer Arbeit irgendwann ihr Studium wiederaufnehmen würde können. Aber das deutsche System war undurchsichtig für die Frau, die gerade erst die deutsche Sprache lernte. Sie fand über die Seiten der Diakonie in Weimar das LAT-Projekt der Jobmanager.

Frau Florentine Müller vom LAT-Projekt half ihr, den richtigen Weg durch den Dschungel des deutschen Ausbildungssystems zu finden. Gemeinsam mit Frau Müller entschloss sich Aysenur Korkmaz für eine Ausbildung im medizinischen Bereich. Gemeinsam suchten sie zunächst Praktikumsplätze, schrieben Bewerbungen und Lebensläufe. "In dieser Zeit hatten wir eigentlich ständig Kontakt. Ich habe verschiedene Praktikumsstellen herausgesucht und Frau Müller hat mir dann gesagt, ob die Stelle für mich und meine Wünsche geeignet ist", sagt Aysenur Korkmaz. Generell ist Frau Korkmaz sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit mit den Jobmanagern. Nicht nur aus fachlicher Perspektive. Frau Korkmaz hatte Sorgen, bereits jetzt den Schritt auf den Arbeitsmarkt zu machen. Die fehlenden Sprachkenntnisse, ihr zurückhaltendes Wesen und ihre Religion empfand die sehr taff wirkende Frau damals noch als zu großes Hindernis.

Zwei Praktika hat Aysenur Korkmaz absolviert. Sie bekam sowohl in der Arztpraxis als auch im Krankenhaus sehr gute Bewertungen.

Vom holprigen Start zur begehrten Auszubildenden

"Als ich mein erstens Praktikum gemacht habe, hatte ich erst ein B1-Niveau. Das reicht für einen Beruf mit Menschen nicht. Und auch die Religion spielte eine große Rolle in der täglichen Arbeit mit Menschen, weil ich in der Zeit noch mein Kopftuch getragen habe, da haben gerade ältere Patienten, aber auch die Kollegen hier in Ostdeutschland noch viele Vorurteile".

Auch das kollegiale Zusammensein empfand Aysenur Korkmaz anfänglich sehr schwierig, weil ihr die Sprache noch einige Probleme bereitete. "Meine Aufgaben habe ich gut gemacht, nur das menschliche blieb durch die Sprachbarriere noch etwas auf der Strecke, weil ich mich noch nicht so getraut habe."

Dass sie ihre Arbeit gut gemacht hat, bestätigte sich auch im Krankenhaus, in dem sie das zweite Praktikum absolvierte. "Dort habe ich auch eine Ausbildungszusage bekommen, aber ich wollte gern die Chance haben, noch einmal einen guten ersten Eindruck zu machen." Auch beim Abschlussgespräch riet man ihr, mehr aus sich rauszukommen und sich nicht kleiner zu machen als sie ist.

Aber mit der Arbeitserfahrung wuchs auch die Selbstsicherheit wieder. Die tägliche Arbeit mit Kolleg*innen und Patient*innen hat nicht nur ihre Sprachkenntnisse verbessert. „Es war mir sehr wichtig, ein Teil der Gesellschaft zu sein. Also nicht nur hier zu leben, sondern wirklich mittendrin im Leben in Deutschland und mit der Bevölkerung zu sein. Mit diesem Teilhaben fühlt man sich erst richtig integriert“.

Vier Zusagen hat Aysenur Korkmaz insgesamt auf ihre Ausbildungsbewerbungen bekommen und ist jetzt sehr zufrieden. Auch mit den Kolleg*innen im Heliosklinikum Blankenhain, wo sie den praktischen Teil der Ausbildung macht, läuft es richtig gut. Inhaltlich kann Frau Korkmaz gut an ihr Wissen aus dem Medizinstudium anknüpfen. "Ich hatte ja erst den theoretischen Teil des Studiums in den zwei Jahren also Latein, Anatomie, Biochemie und vieles mehr, das ist jetzt wirklich hilfreich."

Der schulische Teil der Ausbildung ist in Holzdorf, für den praktischen Teil fährt Frau Korkmaz nach Blankenhain. "Ich fahre immer mit dem Bus, das ist kein Problem. Wenn wir um halb 6 in Blankenhain anfangen, ist es etwas schwieriger. Aber für die Kollegen ist es in Ordnung, wenn ich später anfange weil der Bus nicht zu den Schichtzeiten passt."

Aber das tägliche Pendel stört die junge Frau nicht. "Ich liebe Thüringen und ich liebe Weimar, wo ich jetzt wohne. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben."

Vorurteilsfreiheit ist ein wichtiger Faktor, um in Thüringen zu bleiben

Frau Korkmaz fühlt sich nun zuhause und seit sie für die Arbeit ihr Kopftuch ablegte, nahmen auch die Vorurteile im Alltag ab. Die LAT-Projekte kennen die Probleme der Klient*innen, die Kopftuch tragen. Die Vorurteile auf der Arbeit sind da nicht das einzige Problem. Davon kann auch Frau Kormaz berichten, die auch in ihrem Alltag mit Rassismus konfrontiert war: "Das waren keine tätlichen Übergriffe, aber man spürt die Blicke und man hört die Menschen, wie sie über mich reden. Meine Freundinnen mit Kopftuch machen dieselben Erfahrungen." Unterstützung erhält Aysenur Korkmaz von ihrer Familie und (deutschen) Freund*innen. Auch ihre Kolleg*innen bei der AWO, wo sie nebenbei noch ehrenamtlich als Dolmetscherin tätig ist, machen ihr Mut. Aber die Kränkung bleibt. "Ich finde es schade, dass niemand darüber spricht. Es ist einfach sehr verletzend, dass viele Menschen denken, nur weil eine Frau ein Kopftuch trägt, wäre sie unfrei oder abhängig von ihrem Mann oder dem Vater. Ich glaube, das verletzt mich am meisten, dass ich nicht als eigenständiger Mensch, als unabhängige und gebildete Frau gesehen werde."

Das soziale Engagement bestimmt auch ihre Zukunftswünsche

Für ihre Zukunft wünscht sich Aysenur Korkmaz die Ausbildung erfolgreich zu beenden und dann doch noch einmal zu studieren. "Ich liebe es neue Dinge zu lernen. Durch meine Erfahrungen in Deutschland würde ich aber vielleicht nicht im medizinischen Bereich weitermachen, sondern Soziale Arbeit studieren. Es gibt so viele ausländische Menschen, die Unterstützung brauchen, so wie ich damals. Ich möchte ihnen helfen, so wie mir immer geholfen wurde."

Den LAT-Projekten wünscht Frau Korkmaz weiter viel Erfolg und dass sie so viele Menschen wie möglich erreichen. "Damit auch jeder erkennt, dass alle Menschen gleich sind. Ohne Vorurteile, ohne Rassismus, ohne Grenzen und in diesen Zeiten besonders ohne Krieg."

(März 2022)

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Gespräch mit den Jobmanager*innen Weimar

Die Jobmanagerinnen sind eine wichtige Orientierungshilfe

Zu dem LAT-Projekt "Jobmanager Weimar" ist Frau Korkmaz durch eigene Recherche und auf Empfehlung von Bekannten im Juni 2020 gekommen. Sie benötigte Beratung, da sie eine Ausbildung im medizinischen Bereich machen wollte, aber die Auswahl an medizinischen Ausbildungen ist groß und es fehlte Frau Korkmaz an Orientierung im deutschen (Aus-)Bildungssystem. Bei der Beratung ging es so vor allem um das Schreiben von Bewerbungen und die Suche nach Praktikumsplätzen, um verschiedene medizinische Bereiche kennenzulernen. "Am Anfang benötigte Frau Korkmaz noch Unterstützung, aber nach recht kurzer Zeit hatte sie die Hilfe immer weniger nötig", erinnert sich Florentine Müller von den Jobmanagern Weimar.

Praktika geben wichtige Einblicke in den Beruf, die Anerkennung von Zeugnissen schafft Zugänge

Der allgemeine Ablauf in dem Projekt ist bei allen Ratsuchenden ähnlich. Als erstes wird eine Kompetenzfeststellung gemacht, danach ein Hilfeplan erstellt – also welche Schritte wann anstehen -  die vorhandenen Papiere gesichtet, eventuell eine Anerkennung der Zeugnisse in die Wege geleitet, eine Bewerbungsmappe erstellt und schließlich die Recherche gestartet, welche Möglichkeiten es auf dem Arbeitsmarkt gibt. So lief es auch bei Frau Korkmaz. Ihre türkischen Zeugnisse waren bereits übersetzt, sodass sie gleich einen Antrag auf Anerkennung stellen konnte, sodass sie eine Anerkennung eines fachgebundenen Hochschulzugangs im medizinischen Bereich erhielt. Diese Anerkennung ermöglicht ihr ein Studium im medizinischen Bereich oder eine Ausbildung, da sie automatisch eine Abituranerkennung erhielt. Danach konnten zwei Praktika für sie gefunden werden, das erste in einer Orthopädiepraxis und das zweite in der Zentralklinik Bad Berka. Bei beiden erhielt Frau Korkmaz eine ausgezeichnete Bewertung. Schlussendlich stand für sie fest, dass sie sich auf die Ausbildung zur Pflegefachfrau an Krankenhäusern bewerben möchte, da ihr das Praktikum im Klinikum besonders gefallen hatte. "Frau Korkmaz konnte gut sagen, was sie möchte und was nicht. Am Ende hat sie auch selbstständig recherchiert, wo sie ein Praktikum machen und die Ausbildung beginnen möchte. Sie bewarb sich selbstständig bei mehreren Kliniken und bekam einige Zusagen.", so Frau Müller. "Zu den Krankenhäusern hatten wir gar keinen Kontakt. Das hat Frau Korkmaz alles selbstständig gemacht", so die Jobmanagerin weiter. 

Diskriminierungserfahrungen verlangen von den Betroffenen viel ab

Laut den Jobmanagerinnen zeigte Frau Korkmaz eine hohe Motivation und Zielstrebigkeit. Dies und ihre offene und herzliche Art, sowie ihr eigenverantwortliches Arbeiten und das schnelle Lernen der deutschen Sprache führten zur schnellen und erfolgreichen Integration in den Arbeitsmarkt. Allerdings hat sie auf dem Weg auch negative Erfahrungen machen müssen, wie Frau Müller berichtet: "Bereits bei der Praktikumssuche bekam sie negative Rückmeldungen wegen ihres Kopftuchs. Aufgelöst hat sie uns davon berichtet. Wir haben darüber gesprochen und ihr gesagt, dass sowas leider immer wieder passieren kann, sie jedoch nicht aufgeben soll." Aufgegeben hat sie nicht, auch wenn sie das Kopftuch abgelegt hat.

Sie entschied sich schlussendlich dafür, eine Ausbildung im Krankenhaus in Blankenhain anzufangen. Ihre Berufsschule befindet sich in Holzdorf. Glücklicherweise sind die Bus und Bahnverbindungen gut ausgebaut und mit dem Azubi-Ticket ist das Pendeln für Frau Korkmaz kein Problem. Gefragt danach, was sie sich die Jobmanagerinnen von Arbeitgeber*innen wünschen, antwortet die Projektmitarbeiterin Juliane Peters: "Wir wünschen uns Unvoreingenommenheit, Offenheit, aber auch eine Fehlertoleranz. Wir haben als Projekt ein Netzwerk aufgebaut mit Arbeitgeber*innen, die sehr offen sind und gerne Teilnehmer*innen von uns nehmen."

(März 2022)

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